Ist es sinnvoll, sich jetzt zu bewerben?

Recruiting. 504.345 Menschen in Österreich hatten am 31. März keinen Job. Sollen sie schon jetzt nach einem neuen suchen? Drei Experten, drei unterschiedliche Perspektiven.

Julia Frühwirth hat gleich zwei Jobs. In Teilzeit ist sie Senior HR Generalist bei einem Nahrungsmittelkonzern. Daneben eröffnete sie gerade ihre Trainingsagentur karriereperspektiven.at. Frage an die Expertin: Wie stehen die Chancen für jemanden, der genau jetzt auf Jobsuche geht?

Nicht gut, meint Frühwirth. Dann schildert sie, wie es in den Personalabteilungen gerade zugeht. Auch diese Mitarbeiter zogen ins Home Office um, kämpfen sich durch fremde Themen – Kurzarbeitsanträge, AMS-Anmeldungen, Förderansuchen – und kümmern sich um die Mitarbeiter. „Wir hangeln uns von Tag zu Tag.“

Recruiting steht ganz unten auf der Liste – außer für Positionen, die „händeringend“ gesucht werden. In Frühwirths Konzern (der weiterproduzieren darf) sind das Schichtarbeiter, anderswo Erntehelfer, Zusteller, Regalschlichter, Pflegekräfte. Alle anderen Bewerber werden „mit einiger Verzögerung“ kontaktiert. In Normalzeiten sammelt eine Anlaufstelle die Bewerbungen und schickt sie wöchentlich an das Recruiting weiter. Jetzt ist schlichtweg keiner da. Und nach etwa einem Monat geht man „davon aus, dass ein Bewerber anderswo untergekommen ist“.

Fazit: Wer nicht etwas kann, was gerade gesucht ist, holt sich nur Frustration und automatische Absagen. Ungenutzt solle man die Zeit aber nicht verstreichen lassen, meint Frühwirth: „Jetzt kann man endlich die Unterlagen optimieren und sich auf das Danach vorbereiten. Dann ist man gewappnet, wenn es wieder losgeht.“

Der Ums-Eck-Denker

Walter Reisenzein hat Hunderte Bewerber im Markt untergebracht, die sich auf dem üblichen Weg schwertaten. Der versierte Outplacer ist Geschäftsführer von LHH/OTM Austria. Jetzt massenweise Blindbewerbungen auszuschicken bringe nichts, sagt er. Klüger sei, „sich zu überlegen, was kann ich, was jetzt gebraucht wird. In einem bestimmten Unternehmen.“ Überall sind das derzeit etwa Krisenfestigkeit und die Fähigkeit, ein Team mitzureißen. Solche Talente müsse man herausstreichen und dürfe dabei auch vom bisherigen Lebenslauf abweichen. Es muss nur den Nerv des Zielunternehmens treffen. Die Bewerbung direkt an Personalchef oder Geschäftsführer zu richten schade auch nicht.

Gar nicht so selten stecken in privaten Träumen und Leidenschaften neue Erwerbsmodelle. Reisenzeins Kernfrage dazu: „Welche Erfolgserlebnisse hatten Sie im vergangenen Jahr?“ Ein Kandidat aus ganz anderem Metier erzählte ihm von seiner Freude an Oldtimern. Gemeinsam dachte man nach, was sich daraus machen ließe. Nach einiger Recherche fand der Kandidat einen gerichtlich beeideten Sachverständigen für Oldtimer. Mit dem traf er sich und erfuhr beiläufig, dass der sich zur Ruhe setzen will. Jetzt lässt er sich zum Nachfolger ausbilden.

Der Nach-oben-Denker

Was passiert derweil in den höchsten Ebenen? Hans Jorda ist Eigentümer der Personalberatung jorda & partners. „Mein Geschäft ist das Netzwerken“, sagt er. In die Top-Liga: CEO denken längst über die Zeit nach der Krise nach, über eine völlige Neuorganisation. Und über Kandidaten, die das stemmen. Deshalb, sagt Jorda, seien Suchaufträge zwar zurückgegangen, aber nicht versiegt, „und es kommen neue, anspruchsvolle dazu“.

Suchaufträge, die Personalberater nur besetzen können, wenn sie wissen, wer neu auf dem Markt ist. Deshalb: Lebenslauf aufpolieren und in den relevanten Datenbanken hinterlegen. Und natürlich das eigene Netzwerk aktivieren.

„Die Presse“ vom 11.04.2020 Seite: 49 Ressort: Karriere
Von Andrea Lehky

Online Artikel: https://www.diepresse.com/5798266/ist-es-sinnvoll-sich-jetzt-zu-bewerben?from=rss